Gestern war der Abschied von etwa dreißig koreanischen Freunden, mit denen ich mehr oder weniger Zeit hier verbringen durfte. Die Abfahrt war auf neun Uhr dreißig angesetzt, sodass es sich kaum lohnte zu schlafen, was wir dann gemeinschaftlich auch nicht gemacht haben
Im Grunde begann es mit einer nachgezogenen Geburtstagsparty für mich am dreizehnten Februar, die auf Initiative von ‘Papa’ Durchführung fand. Am elften war ich nämlich bei Megumi, die mir ein unglaubliches Geburtstagsgeschenk machte, und am zwölften war ‘Papa’ verhindert, sodass der letzte Termin genutzt wurde. Zuallerst fertigten wir einige Gerichte und wollten sie dann in der Lobby essen, um die anderen im Speiseraum nicht zu stören, da die durch den aufgefahrenen Alkohol natürlich angeheizte Stimmung ziemlich Unruhe bedeutet hätte. Mein Anteil waren zwei Flaschen Gin und die entsprechende Menge Ginger Ale, Tonic und Lime-sirup (letzteres ist übrigens hervorragend geeignet, um munter zu werden – Vierfachkonzentrat von Limonen
).
Jedoch hatten wir nicht bedacht, dass wir durch die lange Fertigung der Nahrung, die Sperrstunde überschritten hatten, sodass wir uns auf ein Zimmer verziehen mussten. Und so fand ich mich mit also sechs Koreanern und einem hochzufriedenen ‘Papa’ im Zimmer von Yu Jong wieder, in dem wir bis in die Morgenstunden redeten, trunken und dergleichen mehr. Zwischendurch verdreifachte sich allerdings die Teilnehmerzahl (die noch hier befindlichen Finnen, Amerikaner, Chinesen sowie ein paar Koreaner kamen hinzu)
Und so ging es bis morgens um halb sieben, zu einer Zeit in der mir Pauli (ein lustiger Finne) erklärte, wieso viele Youtube-Videos seiner Meinung nach besser als Fernsehen seien.
Danach hieß es im Wesentlichen schlafen bis zur nächsten Party, obwohl es eigentlich keine richtige Party werden wollte. Ich kam aus Machida zurück, wo ich ein paar passende Abschiedskarten eingekauft hatte und unterwegs Risa traf, die meinte, sie sei zur Zeit sehr in Eile. Sie hat dasselbe Ziel wie Megumi (Lehrer) und muss daher dieselbe Praktikumstortur wie Megumi hinnehmen muss. Aber gut, für ein solch hohes Ziel kann man sich schon einmal richtig reinhängen. Wie dem auch sei, ich habe einen Stapel Karten gekauft und traf, als ich nach Hause kam (nachdem Abendessen bei Megumi – es war schließlich Valentinstag), auf ‘Papa’, der allein in der Lobby saß und mit Pinselstift bereits einige Karten schrieb.
Ich setzte mich dazu und begann eben dieses zu tun. So gegen null Uhr waren wir fertig und begaben uns zu den Koreanern, die wie am Abend zuvor im selben Zimmer in der selben Formation die Zeit rumbrachten.
Ein Abend des Abschieds. Viele Gespräche, ein wenig Lachen, viel Trübsinn und zahlreiche bewegende Gesten.
So bin auch ich um einige wertvolle kleine Gegenstände reicher. Ein koreanischer Geldbeutel mit persönlicher Widmung, ein paar Lesezeichen im koreanischen Stil, vielen koreanischen Süßigkeiten (vorallem Batate- und Kürbiscaramel – klingt vielleicht scheußlich, ist aber sehr lecker
) und ein paar Bücher. Hinzu kommen ein paar geschriebene Nachrichten, die ich mit Bedacht aufheben werde. Wobei eine Frage stellt sich mir noch: Warum steht auf der Süßigkeitenbox, die mir überreicht wurde, eigentlich „I love you“ ?? ‘Papa’ meinte dazu, dass man nicht zu sehr darüber nachdenken solle, es käme einfach von Herzen.
Mag ja sein, aber bei der Wahl dieses Abschiedsgeschenkes werden die beiden Damen, von denen ich das erhalten habe, doch an etwas gedacht haben ?!!
Ist aber eigentlich auch egal – es ist eben nur etwas, was einem in Erinnerung bleibt. In guter Erinnerung !!!
Und so saßen wir da, Stunde um Stunde herumbringend und verabschiedeten uns von den Japanern, die zum Abflug zum Haneda-Flughafen kommen wollten und daher bereits gegen fünf Uhr losmachen mussten, um die Geschenke für die Koreaner zu besorgen, die sie noch überreichen wollten. ‘Papa’ und ich entschieden uns für einen Abschied vor Ort !
So gegen halb sieben gingen wir dann alle zusammen zum L-Kan (das Frauenwohnheim), wo ‘Papa’ einen Berg von übriggebliebenen Lebensmitteln erhielt (ich hoffe, er teilt noch mit mir
) und ein Frühstück für eine handvoll Leute vorbereitete. Ich durfte helfen. Ich glaube, es war so ziemlich das erste Mal, dass ich Steak mit Zwiebelringen (manche mögen es auch Rostbrätl nennen) und Eier zum Frühstück gegessen habe. Tat aber gut, weil man nach etwa fünfundreißig Stunden ununterbrochen auf den Beinen keinen Bock auf Müsli oder einfaches Brot hat.
Es wurde das letzte Frühstück in Japan für die beiden Koreanerinnen, die letztlich mit uns aßen.
Folgend räumten wir auf und halfen den kleinen Koreanerinnen bei ihrem ‘fraugroßen’ Gepäckstücken und verteilten die letzten Karten, die wir bei uns hatten. Ein letztes Mal alle begrüßen – ‘Anyong’ – , ein letztes Mal Gespräch mit den Menschen, mit denen ich die Zeit echt genial rumbringen konnte, und ebenso ein letztes Mal die lachenden (bzw. eher weinenden) Gesichter, die mir nahezu jeden Tag en Lächeln geschenkt haben.
Für Mi Song (meine Tischnachbarin über die ganze Zeit) hatte ich im Übrigen ein besonderes Geschenk. Für sie hatte ich noch extra ein Buch besorgt, vor dem sie solange im Buchladen gestanden hatte und nicht wusste, ob sie es kaufen solle, weil es tausend zweihundert Yen (etwas mehr als sehs Euro) kostete. Sie entschied sich dagegen, und so schenkte ich es ihr. Ich meine, für ein Abschiedsgeschenk soll man wenigstens Verwendung finden. Eine Figur oder so, kann man zwar hinstellen und ansehen, passt sie aber auch in die Umfeld der Person hinein ? Ein Buch ist daher optimal. Es wird gelesen und man behält es, wenn es einem gefällt. Ein optimales Erinnerungsstück also.
Ihre kleine Stimme, die mit hörbarer Rührung ein paar Dankesworte ausdrückte, brachte mich fast zum Weinen. Ich hoffe, sie wird da Buch lange behalten !!!
Zusammen mit der Staff vom L-Kan sowie ‘Papa’ half ich dann noch vierzig Minuten beim Einräumen des Busses, in dem wir dann noch bis zum Kai-kan (das uralte Männerwohnheim – keine 200 Meter entfernt ?!) mitfahren durfte, um die verbliebene Koreaner einzuladen. Es dauerte also nochmals etwa dreißig Minuten, um alles in den Bus zu bekommen und uns von den netten Typen zu verabschieden. Hinzu kam das alle Koreanerinnen nochmals ausstiegen, um sich von der Kai-Kan-Staff zu verabschieden.
Schließlich stiegen sie nach vielen Fotos und Umarmungen dann doch ein und vier von uns rannten noch den Berg hinunter dem Bus hinterher. ‘Papa’, Baba, Nanako und ich … bis der Bus abbog und wir nur noch hinterwinken konnten.
In der Folge saßen ‘Papa’ und ich, den Berg von Nahrung vor uns, in der ungeheizten, hellen Lobby und sprachen kein Wort. Und die Tränen wollten nicht stoppen … Noch nie habe ich mich von so vielen geliebten Menschen gleichzeitig verabschieden müssen.
Ich hoffe, dass es mir noch gelingt mit ‘Papa’ im März nach Korea zu fliegen. Um sie möglichst alle wieder zusehen.
Bis dahin jedoch : 涙そうそう !
Vielen Dank für die schöne Zeit an Mi Song, Su Yong, Su Gyong, Son Hwa, Zini, Mihi, Sohi, Hein, In Gyu, Yu Jong, Un Jin und all die anderen !
4. Mai 2008 at 15:35
Nachtrag: ich war nun in Korea und an vielen anderen Orten. Doch leider habe ich keine Zeit gefunden, diese Erlebnisse allen mitzuteilen.
Im Grunde habe ich mir vorgenommen, alles haarklein zu erzählen und anschließend mit Fots auszuschmücken – nur dazu bräuchte ich mehr als vierundzwanzig Stunden Zeit am Tag !
In den letzten Tagen und Wochen schwirrt mir immer nur ein Gedanke im Kopf rum : „Die Zeit in Japan ist begrenzt, also nutze sie weise !“
In dem Sinne mache ich das Beste aus meiner Zeit und versuche alles nachträglich zu präsentieren. Bitte nehmt mir das nicht übel – es ist einfach eine Überlegung, die mir helfen soll, die kurze Spanne bis zum Abschied aus dem Domizil meines Herzens möglichst sinnvoll zu nutzen.
Bei Gelegenheit lade ich allerdings Fotos hoch, die ich dann im Nachhinein erklären werde …
Viel Spaß beim Fotos ansehen !
bis bald
Christoph
23. Juli 2008 at 17:33
wo bist du denn jetzt und wie gehts dir dabei?
grüße aus MD