Ich bin heute am einundzwanzigsten Oktober des Jahres zweitausend sieben gegen um halb eins aufgestanden und fand, dass ich den Artikel von gestern noch ergänzen müsste. Schließlich weiß jetzt jeder, was ich so für verrückte Sachen in mich reinschaufele und wie mein Tagesrhythmus aussieht, aber nicht, was ich so in der letzten Zeit erlebt habe :D

Im Grunde war das alles nichts sehr Aufregendes, aber ich finde, es sollte doch alles einer Erwähnung wert sein. Den Entschluss zur eine ausführlichen Aufarbeitung habe ich übrigens gestern bei meinem ersten Heimweg gegen halb sieben in vollständiger Dunkelheit gefällt. Auf der Längsachse der Tôkai-Daigaku, die zwangsläufig an den vielen Sportplätzen und damit an den vielen übenden Sportlern – was im gestrigen Fall nur Japanerinnen waren , die sich beim Tennis, Lacrosse oder Softball überlaut Anfeuerungen zu rufen, so dass man sich schon zu fragen beginnt, wo diese kleinen Gestalten derart viel Lungenvolumen für solche Laute hervorkramen können – vorbeiführen, bin ich vom Nordteil der Stadt (der schon beinahe zu Hadano gehört) zu unserem Wohnheim zurückgekehrt. Um vier Bücher und eine große Tüte mit „Vollwertchemikalien“ reicher, dafür aber um gut fünftausend Yen ärmer, begab ich mich also in dieser nächtlichen Stille, die sich mit den Schreien der Sportlerinnen bzw. Trainerinnen füllten, nach Hause und passierte dabei die vielen Werbebanner für einzelne Clubstände bzw. Studienabteilungen zum Universitätserrichtungsfest in den ersten Novembertagen. Wie mir auffiel, wird bis dahin noch soviel passieren, dass ich um eine Aufarbeitung jetzt nicht herumkommen kann, damit die Nachverfolgung nicht allzu schwer fällt.

Erst einmal jedoch zum Titel des Artikels (der übrigens nicht zufällig mit dem gestrigen übereinstimmt) – sicherlich etwas seltsam mag der eine denken, „schweigende Stille gibt es doch gar nicht !“, ein anderer mag sich vielleicht fragen, was „die allgemeine Dunkelheit“ denn so zu bedeuten mag. Alles berechtigte Fragen, doch wenn ich einfach mal darauf eingehe, wie sich derzeit die Natur hier verändert wird es leichter zu verstehen sein.

Wir leben hier übrigens nicht in einem Tal, sondern eher auf dem Tôkai-Hügel, der sich weithin sichtbar in der Landschaft abzeichnet, jedoch habe ich ab und zu das Gefühl, hier im Wohnheim in mancher Weise vom allgegenwärtigen Informationsfluss der japanischen Außenwelt abgeschnitten zu sein. Vielleicht liegt das auch nur daran, dass es in der letzten Zeit ein paar viele „Eilmeldungen“ gab, die mich das ein oder andere Mal nach dem Unterrichtsende noch mehrere Stunden in der Verwaltung der Tôkai aufgehalten haben. Aber gut, so ergeht das früher oder später nunmal allen „Führern“ :D

Außerdem gibt es schweigende Stille wirklich ! Die Zikaden sterben nach und nach ab, was bedeutet, dass der neunzig Dezibel Tinitus des Sommers dem krächzenden Morgenrufen der Raben weicht. Wenn man nun das Glück hat, keinen Sportlern beim Training zu hören zu dürfen (was Ronja und Diana nach fünf Wochen nun auch für sich durchsetzen konnten, sodass sie jetzt nicht mehr jeden Tag den Kyûdô-Leuten beim Aufwärmen frühmorgens, Tagestraining mittags und letzten Einheiten abends ertragen müssen – meine Glückwünsche dafür ! Das war ja auch unmenschlich … ), kann man von „schweigender Stille“ reden. Es gibt schlicht und einfach kaum ein Geräusch, dass die Natur – mit Ausnahme des Rauschens der Blätter – von sich gibt … irgendwie gespenstig !

Die Dunkelheit erklärt sich von selbst, wenn man einfach einmal mit de Sonne lebt. Sie geht derzeit gegen halb fünf früh auf und gegen halb sechs abends ist sie bereits nicht mehr zu sehen. Im Gegensatz zu Europa, war das aber auch vor einem Monat nicht viel anders. Wir befinden uns einfach viel näher am Äquator, wie man immer wieder merkt. Hinzu kommt das Schattenspiel der japanischen Bauten. Irgendwie gibt es auch am hellsten Tag immer noch Ecken der undruchdringlichsten Dunkelheit – in allen Winkeln also … und kälter wird es zudem auch. Täglich nur noch etwa zwanzig Grad. Das mag wie Hohn klingen, aber wenn man sich auf Temperaturen von jenseits der fünfundreißig Grad bei etwa achtzig Prozent Luftfeuchte eingestellt hat, dann sind zwanzig Grad bei dreißig Prozent wie ein Gefrierfach !

Derzeit ist es also so, wie eine sich langsam ausbreitende Decke der stillen, dunklen Behäbigkeit, die dem Winter vorausgeht, weshalb ich den Titel als recht passend empfand.

Doch zu was ganz anderem. Eigentlich wollte ich ja die Erlebnisse der letzten vierzehn Tage aufarbeiten und merke nun wieder, dass ich anfange, über völlig Belangloses zu philosophieren. Entschuldigung. Ich hoffe einfach mal, dass man dennoch meine Gedanken noch nachvllziehen kann.

Der letzte Eintrag endete ja mit dem Konzert in Kawasaki, dass bereits drei Wochen her ist. Man, wie die Zeit vergeht !!!

Die erste Woche in Klasse zwei habe ich mich ausschließlich an Son-chan gehalten. Da ich keine Ahnung hatte, versuchte ich, einfach nur zufolgen, und konnte mit Erstaunen feststellen, dass ich nicht wirklich viel schlechter bin als die Koreaner. Und das bis heute nicht ! Irgendwie stimmt mich das froh, denn es bedeutet, dass ich obwohl es mir in mancher Hinsicht an Ausdrucksmöglichkeiten fehlt, doch möglich ist, einigermaßen vernünftige Resultate einzufahren. Am nervigsten waren allerdings die Vorbereitungstest, sprich die Überprüfung der Vorbereitung der einzelnen Lektionen. Das aber wurde abgeschafft, da die Lehrer in der ersten großen Arbeit am letzten Dienstag erkennen mussten, dass wir uns nicht an die in der Arbeit enthaltenen Texte zur Beantwortung der Inhaltsfragen hielten, sondern aus Zeitgründen den Inhalt im Groben mit noch vorhandenen Wissen aus den Lektionstexten beantworteten. Folglich werden diese Tests unterlassen, damit wir die großen Arbeiten (die ab sofort nicht mehr drei oder vier, sondern maximal nur noch zwei Lektionstexte mit ihren Vokabeln und Grammatiken enthalten) nicht wieder mit derart viel Datenmüll zukleistern. Auch hier war ich überrascht, dass es so ein Echo gab auf unsere Antworten. Ich dachte nämlich, dass ich der einzige sei, der diese Methode aufgrund Zeitmangel benutzte. Aber scheinbar hat es doch eine Ursache, dass die Koreaner und zwei Russen so schnell fertig waren :D

Zudem hatten wir durch die vielen Selbstvorstellungen auch Möglichkeit die anderen kennenzulernen. Klasse zwei (die mit zweiundzwanzig Mann übrigens stärkste) besteht aus einer Zusammenwürfelung, die zu großem Teil von Asiaten gestellt wird. Zusammengesetzt aus drei Chinesen, zwei Taiwanern (das eine nette Mädel namens ‘Iku’ findet ihr in der neuesten Fotokategorie), neun Südkoreanern (davon sechs weiblich und viele auch in den Fotos vertreten), zwei Thailänderinnen, einer Mongolin, drei Russinnen, einen Dänen und mir. Ein kunderbunter Haufen, der aber Spaß macht. Denn wir alle haben mehr oder weniger Ahnung von Japanisch und können uns dementsprechend verstehen. Wie mir aufgefallen ist, habe nicht nur ich Ausspracheprobleme. Akzent haben wir alle irgendwie …

Jedenfalls ziehen sich die Tage relativ lange hin. Stets drei Einheiten à anderthalb Stunden, die nach der zweiten Einheit von einer fünfzigminüzigen Mittagspause unterbrochen werden. Montags sind das Hörübungen in der ersten und schriftliche Ausdruck beziehungsweise ‘höhere’ Grammatik in den beiden nächsten Untterichtsstunden. Von Dienstag bis Donnerstag sind die ersten beiden jeweils Lehrbuchbesprechungen, die ich extram lange vorbereiten muss, was sich besonders am Donnerstag äußert (schaut mal hier nach – leider habe ich am achtzehnten vergessen, ein Bild zu schießen, aber es sah wieder ähnlich aus) … dafür ist am Dinestag nach der Mittagspause Schluß und mittwochs habe ich Sozial-/ Kulturunterricht, in dem mittlerweile neben mit nur noch zwei andere (Iku und die Thailänderin Nagarisara) sitzen. Echt toll – man kann sehr viel üben und hat Zeit ohne Ende. Am Donnerstagnachmittag kommt dann der Hammer: Politikunterricht auf Japanisch mit dem Klon von Hayao Miyazaki :D

Freitag ist schließlich zum Entspannen da, was sich bei mündlichen Ausdrucksunterricht und Leseverständnis auch gut machen lässt. Ein paar gute Lektüreempfehlungen habe ich auch schon erhalten, weswegen ich ab sofort ein wenig nebenher lesen werde. So schwer ist das nämlich gar nicht (und es gibt viele klasse Werke, der modernen Literatur, die bei uns völlig unbekannt sind !). Die letzte Stunde der Woche ist dann dem besten der Lehrer überhaupt vorbehalten
: Herr Sahara mit seinem Übersetzungsunterricht. Das heißt, fernsehen und nebenbei das Übersetzen üben … was im wesentlichen darin ausartet, aktuelle deutsche Nachrichten ins Japanische zu übetragen und japanische Fernsehnachrichten wortgetreu zu erfassen. So schwer ist das ja gar nicht !

Das ist also meine Woche, wobei ich mir irgendwie seltsam vorkomme. Alle anderen deutschen Mitstudenten haben noch mehr Unterricht und mir hat man geraten, nicht soviel zu wählen, denn ich habe maximales Programm ! Schon komisch …

In den letzten vierzehn Tagen hat sich täglich nicht ganz so viel ereignen können, da ja relativ volles Programm war, was sich noch etwas gestaucht hat, da ich eben stets lange bei Megumi sein wollte. Sie gibt es ja nicht zu, aber ich glaube, wenn sie ihre Meinung frei kundtun würde, dann würde ich von ihr nicht mehr weggehen dürfen. Aber da sie ja ‘cool’ ist und sich daher sehr zurückhält, hat das zur Folge, dass ich mir ziemlich oft vorkomme, als würde ich ihr mächtig auf die Nerven gehen. Dies aber legt sich immer nach etwa einer Stunde und ich merke, dass es ihr doch nicht ganz so egal ist, ob ich bei ihr oder woanders bin. Ich meine jedenfalls, dass sie sich langsam ändert und ihr harte Schale ablegt – ich hoffe, dass bleibt so. Denn am Dienstag vorletzte Woche (neunter Oktober – zufällig auch der Geburtstag von André (meinem Bruder), den ich vergessen habe – nochmals Sorry !) hat sie mir schon einmal gezeigt, was es bedeutet, wenn sie mir etwas übel nimmt. Es dauerte sechs Stunden, bis sie mir andeutete, dass sie nicht mehr wütend ist. Obwohl sie innerlich schon längst soweit gewesen sein muss, aber sie wollte mich noch zappeln lassen (glaube ich zumindest). Und das alles nur, weil ich entgegen unserer Verabredung nicht oben in unseren Untterichtsräumen gewartet hatte, sondern aufgrund eines Hungerastes sofort in die Mensa nach unten gerannt bin. Sie ist extra wegen mir gekommen und sehr enttäuscht, dass ich nicht mehr da war. Schließlich satnd ich auch noch in einer extremen Reihe an der Kasse, da das Kassensystem teilweise ausgefallen war und der junge Mitarbeiter mit den Notieren der Preise und dem Bedsorgen des Wechselgeldes nicht hinterherkam. In Folge dessen wurde es später und später und sie wartete vergebens. Schließlich fuhr sie enttäuscht nach Hause und ich rief sie an. Dabei durfte ich lernen, dass es nicht klug ist, im gleichen Atemzug ‘Entschuldigung’ und ‘es war vergebens’ zu benutzen. Denn daraufhin war sie nicht nur enttäuscht, sondern auch wütend. Da hieß es nun also: zum nächsten Combini, ihre Lieblingssachen kaufen und schnellstens zu ihr rennen. Es war Dienstag Ich hatte ja frei …

Nur ich lasse es mir eine Lehre sein. Ab sofort heißt es warten, denn wenn sie einmal loslegt, dann kann ich ihr zwar Paroli bieten, was aber zur Folge hat, dass ich nicht nur giftige Blicke, sondern auch böse Worte ernte. Naja, wir lassen sie einfach mal austoben – irgendwann ist es auch sie leid, immer böse zu wirken. Gestern zumindest, hat sie sich bereits entschuldigt für ein paar böse Worte ihrerseits, und das trotz ihres Stolzes. Langsam wird’s … :D

Nachdem ich also oft bei ihr bin und daraufhin mit schöner Regelmäßigkeit die Schließstunde verpasse, stets gegen um zwei die etwa anderthalb Kilometer auf der stockdüsteren Verbindungsstraße unter dem meist gut sichtbaren Sternenzelt quer durch die Felder, einen langen seichten Abhang hinauf und schließlich entlang des Außenzaunes der Tôkai zurückkehre und immer Naoki und ein paar andere Gestalten beim Anschauen des japanisch-synchronisierten ‘24′ beziehungsweise von irgendwelchen Hardcorepornos (im Fall, dass Ryan sich unter den noch wachen Gestalten befindet, sind derartige Filmchen leider sehr oft am Laufen) erwische, habe ich nach anschließenden drei Stunden Hausaufgaben meist nur noch etwas über zwei Stunden Schlaf. Aber gut, dafür kann ich mit Megumi ausruhen.

Nur eben deswegen bleibt nicht viel Zeit für vielerlei anderer Unternehmungen unter der Woche.

Das erste Erlebnis im Oktober war ja bekanntlich das Erdbeben, von dem ich schon berichtete. Das nächste kam dann am Mittwoch, dem dritten Oktober. Der Geburtstag von Ronja, für den Martin und ich uns extra in den kleinen Konditoreiladen am Bahnhof begaben und den alten Besitzer, der gerade eine Zigarettenpasue einlegen wollte, glücklich machten, indem wir ihm einen Kuchen abkauften, der sehr gut aussah. Es ist immer wieder toll, einen Menschen glückliche zu machen – jeden Tag EINE gute Tat, nicht wahr ? :D

Am Abend gingen wir dann auch ‘feiern’ ins Boogies (einem Rockschuppen, der vielleicht zwanzig Quadratmeter groß ist, zwei Tische und den Tresen als Inventar hat und dessen Beitzer wie ein typischer japanischer Rockfan mit langen Haaren, geplegtem Bart, länglichem Gesicht und den lapprigen Shirt mit Aufdruck von Newcomerbands auftritt). Nach ein paar Drinks zuviel – für mich waren es ein Gin Tonic, ein Salty Dog (der zum Pepper Dog wurde, weil wir Tabasco hinzugefügt hatten) und ein Tequila-Shot sowie ein paar Nachos. Ziemlich angedudelt begaben wir uns dann den Berg zur Uni zurück, um noch vor Torschluß wieder heimzukehren. Am nächsten Tag war immerhin wieder Unterricht …

Die Woche klang dann am Freitag mit dem ersten Probekochen für das ‘Kengakusai’ 建学祭 (das Universitätserrichtungsfest an den ersten drei Tagen im November) aus, dass wir eine Woche später noch einmal wiederholen sollten, weil unsere japanischen Helfer wegen bei der Zubereitung nicht aufgepasst hatten. Man da sind die schon dabei und dann geben die nicht auf das Acht, weswegen sie das Ganze organisiert haben. Man, man, man …

Der folgende Samstag war geplant zur Vorbereitung des Schildes für unseren Stand bei besagtem Fest. Der Mist nur, die eigentlich eingeplanten zwei Stunden gingen allein für das Weißen des Ganzen drauf. So saßen wir dann also noch bis zum Abend ganze acht Sunden (!) an dem Sch…schild und es wurde und wurde nicht fertig. Schließlich war geplant, gegen um acht zum Karaoke zu gehen, was wir dann wegen der Verzögerung nicht mehr als lohnend empfanden. Stattdessen begaben wir uns zum Abendbrot ins Gusto, wobei ich immer wieder betonen kann: es gibt hier noch mehr Restaurants als das Gusto, die zudem auch billiger und leckerer sind. Aber naja, es gab schließlich mehr als einen Gehfaulen in der fünfzehn Mann starken Truppe mit der wir dir Tische dann quer durch das Restaurant schoben :D

Ich wäre ja mal für einen Okonomiyaki Abend mit so einer Truppe. Das ist nicht nur billiger, sondern macht auch mehr Spaß. Denn man kann rumsauen, wie man will, da es dazu gehört ! Aber gut, es gab was zu essen und das ist ja
das Wichtigste. Noch dazu spazierten wir im Stockdunkeln quer durch den Stadtteil, auf der Suche nach einem alten Schrein, der wirklich etwas gruselig war.

Abschließend ging es dann am Sonntag, den siebenten Oktober, nach Yokohama ins Chinatown und das Oktoberfest. Doch davon das nächste mal …

Ich habe schon wieder zuviel Belangloses niedergeschrieben. Irgendwie passiert mir das öfters, wenn ich einmal in Fahrt komme. Wie dem auch: Freuet euch schon auf Session drei :D