Nach einer Woche sehe ich es als Pflicht, meine Erfahrungen niederzuschreiben, die sich teils zu meinem Missfallen, ereignet haben. Dass es solange gedauert hat, liegt einfach daran, dass man bei einem sechzehn Stunden Programm nicht unbedingt – um nicht zu sagen, ABSOLUT keine – Lust hat, sich noch eine Stunde hinzusetzen und den Tag zu ressümieren, zu mal viel von dem, dass hier derzeit passiert nicht gerade freudig stimmen mag.

Der Anfang ist jedoch bekanntlich vorn.

Aufgehört habe ich ja nun mit dem Samstag vor einer Woche, an dem ich freiwillig den JLPT Level zwei mitgemacht habe und dafür zweitausend Yen erhielt. Im Folgenden fuhr ich dann also zur Stadt mit dem Namen einer Riesengarnele (Ebina besteht auch den Zeichen 海老 ‘ebi’ für Garnele und 名 ‘na’, das soviel wie Bezeichnung/Name bedeutet), die im Grunde nicht anderes als ein Bahnhof mit angrenzendem Einkaufszentrum, einem Steakhaus und einem integrierten Kino (der Firma Toho) ist, um meine zweitausend Yen sofrot auf den Kopf zu hauen und mich mit Sari und den anderen Deutschen zu treffen. Zumindest Martin fand ich mit der kleinen lebendigen Japanerin ziemlich schnell in einem Café neben Starbucks – ja, man höre und staune, aber es gibt noch Alternativen !

Diana und Ronja waren unterwegs in den Bekleidungsgeschäften der Shoppingburg und hatten die beiden mehr oder weniger zurückgelassen … Erwähnen muss ich sohl auch, dass die anderen beiden (Simone und Tabea) auf Einkaufstour in Tôkyô waren. Jedenfalls waren wir nun erst einmal zu dritt und ich fragte Sari ob sie ‘kingyo’ (so wie ich das sehe, soll es für 金魚 Goldfisch stehen) kenne, eine junge Sängerin, die auf einer kleinen Bühne im Innenraum der Halbrondells, das vom Einkaufsparadies gebildet wird, auftrat und dafür von den Passanten mit nahezu schon sträflicher Missachtung bestraft wurde. Dabei klang ihre Musik echt gut … wenn sie dort Alben verkauft hätten, was sie vielleicht sogar taten, ich aber nicht merkte, hätte ich eins gekauft – zumindest ärgere ich mich jetzt, dass ich mir kein Autogramm von ihr besorgt habe ! Ich hätte es tun sollen, aber die anderen hatten sich einen Treffpunkt ausgemacht und zudem noch Hunger (vorallem Martin :D ) – also ging es zu Freshness Burger. Ein Name, der bereits alles über die Kette aussagt, was man wissen muss. Einziger Haken an der Sache: Es gibt keine Menüs, was soviel heißt wie: teure Getränke. Wenigstens schmeckten sie.

Eins noch zur Anmerkung nebenbei. Wer Saures nicht mag, sollte sich auf keinen Fall einen Limetten-Soda bestellen. Nach dem Genuss dieses Trankes musste ich es mir noch zwei Stunden danach verkneifen, nicht die Mundwinkel zusammenzuziehen. Echt krass … aber der Vitaminbedarf für die nächste Woche war gedeckt :D

Es wurde später und wir entschieden uns noch für Nachtisch und eine anschließende Session in einem Purikura-Automaten (‘Purikura’ steht für ‘Printclub’, das mit japanischer Aussprache als ‘purinto kurabo’ endet und daher, weil zu lang, abgekürzt einfach besser aussieht). Das Ergebnis gibt es wie immer in der Fotoecke zu bestaunen.

Der Heimweg folgte, der mit einem kleinen Einkauf im ‘daiei’ endete.

Am selben Abend war ich noch mit Megumi verabredet. Diesmal trafen wir uns aber am Bahnhof Tôkaidaigaku-mae, da sie meint, sie könne den Weg auch allein von Isehara bis hier her zurückfinden (zur Erinnerung: zwei Stationen !). Ich meine, ich weiß, dass sie in ihrem Heimatland keine Sorge zu haben braucht, diesen Weg allein nicht zu schaffen, aber dennoch hätte ich sie gern begleitet, einfach nur, um sie zu begleiten … wenn das irgendwie einen Sinn ergibt.

Zu zweit aßen wir nun dieses mal im Suki-ya, einem Gyûdon (gebratenes Rindfleisch auf einer Schale voller Reis) -Laden, der keinerlei Drinkbar (einem großen Selbstbedienungsgetränkeabteil, das man für eine Grundgebühr bis zum Platzen der Blase nutzen kann) besitzt und einen dafür aber mit Mugi-cha (kalter Gerstentee – und nein, kein Bier !!!) statt Wasser versorgt. Für mich gabe es dann ein mit drei Sorten Käse überbackenes Tondon (gebratenes Schweinefleisch auf einer Schale Reis) und für Megumi etwas ganz ähnliches mit Rind. Das Überraschende war dann aber der Preis am Ende. Nur etwas mehr als eintausend Yen (derzeit circa sechs Euro). Auch Megumi war zufrieden. So wie ich es verstanden hatte, hatte sie derartige Läden stets gemieden, da sie am Eingang einen Automaten hätte, bei den man bestellt und der der einen dann einen Schein ausdruckt, der wie eine Metrokarte aussieht, denn man dann gegen Essen „eintauscht“. Klingt kompliziert, hat aber den Vorteil, dass die Angestellten mit keinem Geld in Kontakt kommen … wobei mir das im Fall von Japan eine etwas seltsame Erklärung erscheint. Ich sehe es nämlich weniger als Sicherheitsmaßnahme, als als pragmatische Lösung. Denn wenn kein Mensch die Abrechnung übernehmen muss, spart man Geld, da weniger Arbeitszeit für Bürokratie verloren geht und verdient gleischzeitig noch etwas mehr Geld, da die Angestellten in der Zeit, die eigentlich für die Abrechnung draufgehen würde, Kunden bedienen können …

Wie auch immer, die war jedenfalls deswegen noch niemals vorher in einem Gyûdon-yasan. Zufällig begegneten wir dort auch noch Tôyama zu dessen Konzert wir uns (die Deutschen) am Sonntag begeben wollten, wovon jedoch zwei (die Zimmerkollegen Tabea und Simone) aufgrund eines seltsamen Vorwandes nicht mitkommen wollten, obwohl es kostenlos war … okay, die Fahrt bis nach Kawasaki kostete uns etwa tausend Yen, aber das für ein Konzert, dass sich im Nachhinein, als großartig entpuppte. In Deutschland bekommt man das auch ohne Fahrtkosten nicht günstiger !!!

Wir fuhren also um fünf los, um gegen halb sieben in Kawasaki (eine Station nach Yokohama) zu sein. Wir kamen rechtzeitig und suchten und ein paar schöne Plätze seitlich des Orchesters. Zu unserer Überraschung fanden wir neben Tôyama noch ein weiteres bekanntes Gesicht im Orchester. Sayuri – die sich während der neunten Symphonie von Beethovn bestens schlug, die von den besten Tôkai-Musikern zusammen mit den Tôkyôter Symphonikern gespielt wurde. Echt genial, dass sie da mithalten konnte. Respekt Sayuri. Auch wenn du immer so bescheiden tust und alle überhöflich behandelst, gerade du hättest es verdient, dass man mit dir so umgeht, wie du mit jedem anderen Menschen.

Vor der „großen Neunten“, wie es Japaner bezeichnen, kamen allerdings noch andere Werke, zu denen die Besetzung immer etwas änderte. Angetan war ich dabei besonders von den Xylophonspielerinnen in Edvart Griegs „Peer Gyntg-Suite eins“. Mit welcher Genauigkeit und mit welchem Tempo die beiden mit drei Schlegeln gleichzeitig spielen konnten, war echt atemberaubend. Dazu kam der arme Junge mit der Triangel, der sich förmilch die Seele aus den Händen schlagen durfte :D

Nach dem Konzert trafen wir dann auf Yoko, die Vorsitzdende des Deutschclubs der Tôkai „Prost“sowie Ryôta, der ab der Hälfte der Symphonie zugegen war, da er vorher arbeiten musste. Er freute sich dann auch, mit uns etwas essen zu gehen, doch aufgrund der erneuten Angst vor dem Torschluß der Mädels mussten wir ihm absagen, was mir unendlich leid tat. Das nächste Mal bekommt er zur Entschädigung etwas von mir spendiert. Er hat sich bereits um sovieles für uns gekümmert und organisiert, ist rumgerannt und hat gerackert – da hat er sich auch mal ein Dankeschön verdient … leider musste er an diesem Abend allein zurückbleiben.

Auch Hitomi, der wir bereits begegnete als wir zum Konzert kamen und die in Begleitung eines jungen Mannes war, den sie scheinbar gut kannte, trafen wir danach nicht mehr … wie ich jetzt weiß, war der junge ‘Herr’ zumindest nicht ihr Freund (sagt sie ! ^^).

Unser Abend endete also damit, zu hoffen, noch rechtzeitig nach Haus zu kommen, da mit die vier Damen keine totale Torschlußpanik bekamen. So saßen wir dann in der Tôkaidô-sen von Kawasaki nach Yokohama, stiegen dort in die Sôtetsu-sen um, da wir nicht über Hiratsuka-eki fahren wollten, um keinen Bus nehmen zu müssen und dann in Ebina, der Endstation jener Linie, wechselten wir erneut auf die Odakyû-sen. Eine Reise von gut anderthalb Stunden. Am Ende standen wir am örtlichen Bahnhof und nahmen ein Taxi, um rechtzeitig heimzukehren.

Wir nahmen also ein Taxi, das Martin bezahlen durfte, obwohl er ohne Automatiktür und mit nur halber Klimatisierung auskommen musste. So ist das nunmal, wenn man rechts neben den Fahrer sitzen darf :D

Natürlich teilten wir die Kosten, aber es hatte schon etwas von Ironie. Weniger Komfort – aber bezahlen dürfen.

So endete nun der letzte Tag im September des Jahres zweitausendsieben.

Am Montagmorgen erwartete mich dann eine Überraschung, als ich in das Klassenzimmer kam. Die Lehrerin gab mir ein hellblaues Heft mit ein paar angehefteten Ergebnissen und sagte, dass ich doch die zweite Klasse aufsuchen sollte. Und ich dachte noch: Scheiße, die haben mich doch hochgestuft, weil ich zu gut war im JLPT. Und genauso war es auch. Mir fehlt ein läppiger Punkt und ich hätte Level zwei Niveau. Und dass mit raten. Ich liebe Japan :)

So „nahmen“ mich jedenfalls die beiden Koreanerinnen, denen es ähnlich ergangen war, an die Hand und liefen mit mir zum Unterricht der zweiten Klasse. Für mich begann damit die, meiner Erinnerung zufolge, bisher härteste, schlafloseste und nervenaufreibenste Woche meines Lebens … Klasse zwei. Zwei von Zehn. Die zweithöchste. Und ich, der nur durch „randomized filling“ in diese Lage gekommen bin.

Zum Glück heißt meine Banknachbarin für das nächste Halbjahr Fan Li Son. Oder Son-chan, wie ich sie nennen soll. So etwas wie ein Sonnenschein, der mir jeden Morgen „ohayô“ sagt, worauf ich mit „annyong“ (Koreanisch) antworte und ein Lächeln ernte. Am Unterrichtsende sagt sie mir dann „ganbatte ne“ und ich nicke und rate ihr selbiges. Einfach eine ganz liebe.

Das jetzt bitte nicht falsch verstehen. Aber jeder braucht doch schließlich einen Antrieb, sich aus den Bett zu quälen, in die reißenden Wogen des Alltags zu gehen und dann nach vierzehn Stunden auf den Beinen zufrieden einschlafen zu können ?!!

Doch von Son und ihren zahlreichen Freundinnen mehr … demnächst. Also sobald wie möglich. Nochmals Entschuldigung, ich habe derzeit einfach …..ßviel um die Ohren :(