Alles begann nun also mit dem JLPT Level zwei, den ich nur mit Müh’ und Not überstehen konnte. Der Teil mit den Vokabeln und den Kanji (der vereinfachte chinesische Schriftsatz der japanischen Sprache) bzw. der Hörteil war zwar relativ schnell überstanden – sie dauerten jeweils nur etwa fünfunddreißig Minuten – dafür aber zog sich der Grammatikteil mit siebzig Minuten extrem lange hin …

Wobei jedoch der Inhalt noch grausamer war. Umgangssprache in Verbindung mit unbekannter Grammatik – und schon landeten wir alle beim ultimativen Lösungsmodell aller sogenannten ‘multiple choice’-Arbeiten (zu denen der JLPT nunmal zählt) : „randomized filling“, was auf Deutsch soviel wie ‘alternierendes Ausfüllen’ oder so ähnlich bedeuten dürfte. Quasi wählt man belibig eine Antwort zwischen den vier möglichen aus, überprüft, ob die Antwort mit dem herkömmlichen Wissen nicht allzu abwegig ist, und setzt dort seine Marke. Mit einer Wahscheinlichkeit von fünfundzwanzig Prozent, die bei Ausschluß einer Möglichkeit noch weiter anwächst, kann sich diese Methode doch sehen lassen :D

Sicher, man kann damit kein Wissen durch das vorliegende Unwissen simulieren, aber immerhin schafft man es so, alles fristgemäß auszufüllen ! Und das möchte schon was heißen bei den Texten, die man da bearbeiten darf. Der Level drei, den ich mit durchschnittlich zweiundneunzig Prozent in allen drei Teilen letztes Jahr bestanden habe, war nix dagegen … und zu der Zeit war ich mir noch sicher, dass ich gut gelernt hatte. Was diesmal keineswegs der Fall war.

Nun ja, überstanden war überstanden und scheinbar war zumindest Martin so gut, dass er aufgestuft wurde. Mein erstes Ziel lautet ja auch Aufstieg in Klasse zwei, aber nachdem Ronja runter kam, weil sie meinte, dass es ein ganzes Stück härter sei, kam ich ins Grübeln, ob dieses Ziel nicht doch zu hoch gesteckt sei. Daher sehe ich es derzeit eher gelassen, wenn ich in Klasse drei verbleibe. Wenn ich nicht sogar zu Martin runter in die vierte Klasse kommen darf aufgrund meiner Ergebnisse :D

Das beste kam nach der Arbeit: das Essen. Mal wieder Curry. Einfach herrlich … und nebenbei trafen wir noch auf Hitomi – eine der Austauschstudentinnen vom letzten Jahr. Sie meinte, dass sie zum Konzert am Sonntag käme und tatsächlich trafen wir sie da (doch dazu später).

Nach der Mittagspause, die eine unglaubliche Länge von einer Stunde aufweist und den Unterricht in zwei Doppelstunden am Vormittag und den am Nachmittag unterteilt, begaben ich mich zuerst zum Verantwortlichen für die Semestereröffnungsfeier vom vierzehnten Oktober um ihm den Zettel mit korrekter Umschrift des deutschen Liedes zu übergeben und anschließend mit der kompletten deutschen Besetzung in den Unterrichtsraum, in dem Herr Sahara schon auf uns wartete. Er war der diesjährige Austauschlehrer und spricht bei weitem das beste Deutsch von allen japanischen Lehrern hier an der Tôkai Universität.

Bevor ich weiterrede, möchte ich aber noch eine Anmerkung zu seinem Namen geben. Er heißt tatsächlich ‘Sahara’, wobei sich die Aussprache seines Namens kollosal von der der Wüste unterscheidet. Die Zeichen seines Namens bedeuten in etwa ‘helfende Wildnis’. Wie auch immer, es gibt einen Wortwitz, den die Austauschstudenten entwickelt haben. Aufgrund seines lichter werdenden Hinterkopfes trifft der Name ‘Sahara’ nun langsam genau ins Schwarze, wodurch ihn viele im Geheimen ’sabaku-sensei’ nannten – den ‘Lehrer mit der Wüste’. Nun ja, man kann es so oder so auffassen, nicht war :D

Wir hatten nun jedenfalls bei besagten Herrn Deutsch-Japanischen Übersetzungsunterricht. Das heißt, wir nahmen deutsche Nachrichten und übertrugen sie ins Japanische. Nicht ganz einfach, aber eine super Übung mit einem hervorragenden Lehrer – übrigens unter den wachenden Augen von Fau Borchert. Dieses erste Mal war jedoch etwas zu schnell, sodass meine Notizen in etwa so aussehen: „④、①の③は②“. Wobei die Zahlen Vokabeln darstellen, die von einzelnen Partikeln (vergleichbar mit deutschen Präpositionen, wenn sie postpositionär wären) zu einem logisch-semantischen Ganzen zusammengefügt werden. Jedoch gibt es nur wenig Sinn, wenn man es nicht aufarbeitet, was ich zugegebener Maßen bis jetzt nicht geschafft habe … wie immer also !

Nach diesem ersten durchaus lehrreichen Unterricht gingen wir alle zusammen zur Verwaltung. Dort angekommen begrüßte und Frau Asano (die Vorzeigelady der Tôkai Universität und Moderatorin der bisherigen Veranstaltungen) und Frau Borchert wandte sich sogleich an sie, um für uns Immatrikulationsbescheinigungen bzw. für Ronja die Rückerstattung der Arztkosten zu beantragen. Herr Sahara begleitete uns, wobei er versuchte, mir seine Handynummer (und noch viel wichtiger seine Handymailadresse) mitzuteilen, was via Infrarotleitung misslungen war. So gut der Mann auch in Sachen Sprache ist, bei Technik hat er keine Ahnung. Megumi hat übrigens das gleiche Handy und kommt damit hervorragend zurecht … Also musste ich ihm meine mit Infrarot übertragen, wodurch er jetzt meine komische Avatargrafik hat, bei der ich mich aus Witz einmal selber im ‘Schalf’ fotographiert habe. Wie auch immer – es sieht einfach seltsam aus, aber befindet sich nun auf dem Handy von Herrn „Wüste“.

Nach den Erledigungen suchten wir noch ein Café, das wir an der Ecke zur Treppe der Ladenstraße in Richtung Bahnhof fanden und das auf den schönen Namen „borubo“ getauft worden ist, und drängten uns zu siebt in die hinterste Ecke des in europäischen Flair eingerichteten Innenraumes, um Frau Borchert zu verabschieden. Sie würde am nächsten Tag fliegen und wollte mit uns noch ein paar letzte Sachen besprechen. Ursprünglich hatten wir vor, ihr etwa auszugeben, aber endeffekts bezahlte sie für uns zusammen … echt komisch wie Sachen manchmal laufen. Doch das komischste kam in diesem Laden noch. Wir bekamen als erstes nur sechs Gläser Wasser (in Japan ist es üblich, zu jedem Essen kostenlos Wasser zu bekommen – egal ob man noch extra Getränke bestellt) und dann war auch keine Milch für die ‘kokoa-float’ (Eisschokolade), die vier von uns bestellen wollten, vorhanden, sodass wir jeder ‘côhi-float’ (Eiskaffee) tranken. Leider bekamen wir entgegen deutlicher Ansage nur sechs von ihnen geliefert. Martin meinte schon, ihnen seien die Gläser ausgegangen. Und in der Tat, als wir auf den fehlenden aufmerksam gemacht hatten, bekam Simone (die, die noch keinen hatte) ihren in einem anderen Glas serviert. Echt seltsam, aber lecker …

So saßen wir etwa drei Stunden, erzählten und lachten viel, bekamen einige gute Ratschläge und bedankten uns artig bei der Lehrerin, der wir alle unser heutiges Japanischwissen zu nahe hundert Prozent verdanken. Wir hatten eigentlich vor, ihr einseitig das ‘du’ anzubieten, denn es erscheint schon seltsam, wenn einem diese Korriphäe (die übrigens ein Mitglied der ersten Austauschgruppe war, die im Umfang des Universitätsvertrages, durch den ich heute kostenfrei hier sein darf, in den Genuss eines Auslandsjahres kam) sietzt. Ich zumindest fühle dabei irgendwie ein Unbehagen. Doch nachdem sie eine Geschichte mit dutzenden Studenten erzählt hat und dabei ziemlich wütend dreinschaute, ließen wir es lieber, sie darauf anzusprechen. Auch wenn es glaube ich eher darum ging, dass der Student damals nicht verstehen wollte, dass man Lehrer nicht dutzt, so ist es doch unklug etwas derart heikles sogleich kochendheiß anzufassen und sich womöglich damit die Finger zu verbrennen. Nein, bei der Rückkehr ist immer noch Zeit dafür. Zumal wir nie wieder bei ihr Unterricht haben werden. Schade eingentlich, aber die fetten Jahre sind vorbei …

So verabschiedeten wir uns gegen um sieben von ihr und wünschten ihr noch eine gute Heimreise, da sie meinte, dass Berlin derzeit relativ kalt sei und sie ohnehin noch gut zwei Wochen brauchen würde, um sich wieder in einen normalen Alltag in Deutschland aufgrund der Zeitumstellung eingewöhnen zu können. Andersrum habe sie das Problem nicht gehabt, was ich verstehen kann. Letztes Jahr ging es mir ja nicht viel anders.

So endete der letzte Tag mit Frau Borchert hier in Hiratsuka, Kanagawa, Japan. Aber eine kleine Flasche ungeöffneten Olivenöls, dass sie nicht mehr gebraucht hat, haben wir noch von ihr erhalten :)

Für den Samstag hatte ich mich für die Ausarbeitung bzw. Verbesserung des nächsten JLPT Level zwei angemeldet und sollte dafür eintausend Yen erhalten, die sich jedoch verdoppelten, da wir etwas länger als die ausgegebenen zwei Stunden brauchten. Leichtverdientes Geld, dachte ich …

Es sollte Studenten, die etwa den Level zwei beherrschen kommen, um den experimentellen Test (mit ungewöhnlichen Aufgabenstellungen) zu durchlaufen und im Nachhinein einen Fragebogen auszufüllen. Klingt einfach, war es aber nicht. Erstens bin ich weder Level zwei, ich fühle mich eher wie Level zwei Komma fünf neun oder so, und zweitens saß ich neben dem Russen, der diesen Level bereits bestanden hat (sagt er !), als einziger nicht im Kanjigebiet aufgewachsener Teilnehmer in dem relativ kalten Raum. Der Rest waren sieben Chinesen, vier Koreaner, zwei Taiwaner und ein Inder, der zwar auch nicht mit Kanji aufgewachsen ist, aber immerhin bereits sieben Jahre hier lebt, wehalb ich ihn einfach mal nicht zu uns beiden „Luschen“ zähle …

Jetzt mal kurz eine Unterbrechung: wir hatten jetzt gerade (erster zehnter zweitausendsieben) um zwei Uhr einundzwanzig das erste spürbare Erdbeben seit dem wir hier sind. Laut Fernsehen Stärke ’schwache fünf’ (japanische Skala) in Odawara – das ist etwa fünfundzwanzig Kilometer von hier entfernt – bei uns war es noch ungefähr Stärke drei stark. Laut Fernsehen, ist es jetzt wieder sicher, doch eins verwundert. Sollte es nicht eigentlich ab ersten Oktober eine Warnmeldung via Fernsehen geben ? Scheint, als ob dies erst ab zehn Uhr morgens oder so gilt ?! Okay, ab jetzt zählt es ! Das erste ist überstanden … wir hoffen, dass der Big-Bang kommt, wenn wir nicht mehr hier sind ! :D

Weiter im Text. Ich nahm also an dem Test teil und war einiger der wenigen, wenn nicht der einzige, der nicht den gesamten Text in den angestrebten einhundert Minuten schaffte … zudem hatten vier von den Teilnehmern bereits Stufe eins bestanden und meinten, Level zwei sei zu leicht. Kein Wunder, wenn man da nicht verzweifelt. Dennoch erhielt ich meine zweitausend Yen ! Die anderen Deutschen waren bereits vorher nach Ebina aufgebrochen. Doch davon morgen.

Bis bald und gute Nacht im nahezu erdbebenfreien Gebiet !