Am Sonntag stand ich nun, wie bereits gesagt, zu unbestimmter Zeit irgendwann gegen Mittag auf und versuchte die Zeit totzuschlagen, bis ich zu meiner Verabredung mit Megumi am späten Abend aufbrechen würde. Sie hatte bis neun Uhr auf ihrer Arbeit zu tun – ja, man arbeitet hier auch wochenends und an Feiertagen (außer Schulen, Banken und Post) – und ich wollte sie in Isehara abholen. Eine kleine Stadt hier in der Nähe und mit der Odakyû-sen innerhalb von zehn Minuten als zweite Station von Tôkaidaigaku-mae aus zu erreichen.

Nun musste ich aber den ganzen Tag bis dahin rumbringen und hatte keinen Plan, wie ich das anstellen sollte. Letztendlich traf ich mich mit den anderen Deutschen hier, um ein Lied für die Welcome-Party der neuen Austauschstudenten einzustudieren (Dienstag Abend) – „Die Gedanken sind frei“. Ob wir es nun singen mussten/durften oder nicht, entschied sich später ;)

So probten wir nun. Mehr oder weniger. Denn eigentlich durften Martin und ich erst einmal den Text auftreiben – vor lauter Ablenkung hatten wir es nicht geschafft, das Lied vorzubereiten. Asche auf unsere Häupter – es war ja unser Fehler. Aber gut, die Zeit verflog dadurch nur geringfügig schneller …

Nachdem ich nun eher schlecht als recht den Tag herum gebracht hatte, ging es in die Dusche als Vorbereitung für mein „Date“ ! Dabei wurde mir wiedereinmal der grundlegende Unterschied zwischen den hier lebenden Kulturen deutlich. Während die Europäer fast nackt (nur ein kleines Handtuch) in den Duschen und auf den Hin- sowie Rückweg vom Duschen umherlaufen, kommen die Asiaten vollkommen begleitet in den Vorraum und ziehen sich bis auf die Badehose (!) aus. Nach dem Duschen ziehen sie sich wieder an und gehen ihre Wege. Ich unterlasse es mal, hier meine zahlreichen Vermutungen loszuwerden, warum das so ist, da man das Ganze auf die ein oder andere Art auslegen könnte … Ich sage nur soviel: Vielleicht sind wir einfach zu faul, Kleidungsstücke mit zur Dusche zu nehmen, denn das Zimmer ist doch sooooo fern (maximal zwei Etagen) :D

Am Abend dann holte ich Megumi von ihrer Arbeit ab. Allerdings kannte ich den Angestelltenausgang des Kaufhauses nicht, sodass ich etwa eine halbe Stunde ziellos im Bahnhofsbereich von Isehara umherirrte. Bis sie dann un kurz nach halb zehn auftauchte und meinte, dass ihr ein Abrechnungsfehler unterlaufen sei, wodurch sie die ganze Rechnerei hätte wiederholen müssen. Darum sei es später geworden. Da weder sie noch ich Abendbrot zu uns genommen hatten, entschieden wir uns, etwas essen zu gehen. Sie begab sich schnurrstracks in den nächsten ‘Mister-Donuts’-Laden, um etwas einzukaufen. Erst als ich ihr klarmachte, dass es im Männerwohnheim eh’ egal sei, wann man nach Hause kehre, solange der Kanrinin-san jeden am Tag einmal zu Gesicht bekomme, meinte sie, dass wir auch in ein Familienrestaurant (dies sind meist Restaurantketten mit Drinkbar, moderaten Preisen und einer Aufschlagserteilung bei Bestellung in der Mitternachtszeit – nichts desto trotz haben diese Läden mindestens bis um eins [natürlich jeden Tag !] offen) gehen könnten. Gesagt, getan. Wir verliessen eilig den Donutladen, begaben uns zur Bahn, stiegen zwei Stationen später für einen Preis von einhundertfünfzig Yen (derzeit etwa dreiundneunzig Cent) wieder aus, gingen den Berg zur Uni hoch und fanden uns im 夢庵 (yume-an) wieder. Ein ‘Familires’ für Liebhaber der japanischen Küche. Vorallem die Donburis (Fisch, Fleisch oder Gemüse auf einer Schale Reis) gefallen mir immer wieder ! :D

Wir saßen dann dort bis etwa halb eins und zeigten uns Fotos. Ich ihr die vom Ausflug nach Kamakura, sie mir die von ihrem Trip mit ihren Freundinnen nach Yokohama. Lustig war es … und zwischendurch hatte ich das erleichternde Gefühl, nicht so beengt zu sein wie die Mädels. Torschlußpanik adé – dank stetig frequentiertem Hinterausgang ;)

Das soll zwar nicht heißen, dass man ihn jeden Tag benutzen sollte, aber hin und wieder ist er recht praktisch ! Im wesentlichen dann, wenn man dank zu vielen Essens und Redens bei seiner Freundin einschläft und erst um vier in der Früh wieder aufwacht. So ergang es mir an diesem Tag – und ich musste sagen, ein tolles Gefühl – trotz abgeschlossener Vordertür kann man jederzeit rein und raus. Problem nur, dass wir am nächsten Morgen eine Zusammenkunft mit unseren weiblichen Mitstreitern im Frauenwohnheim hatten. Erstens kamen wir (also Martin und ich) erstmal gehörig zu spät – obwohl Martin doch schon lange vor mir im Bett lag ?!! – und zweitens konnten wir nicht im geringsten unseren Text … ob das so gut war ? Naja, schweigen wir lieber :(

So verging der Monntag ohne nennenswerte Fortschritte. Der Dienstag sollte da schon anders aussehen. Gegen halb zehn ging es zum ‘Ausländergebäude’, um die Ergebnisse des Einstufungstests zu betrachten und ein kurzes Gespräch mit den Lehrern zu führen. Mich fand ich in der dritten von zehn Klassen wieder, in der sich auch Tabea einfand. Ronja gelang es, in Klasse zwei einzukommen, wobei ich mir nun die Frage stelle, ob das so gut war – sie haben nämlich dort keine Lehrbücher mehr in Verwendung, habe ich mir sagen lassen. Statt dessen lesen sie Zeitung etc. und fertigen dazu Aufsätze an. Ich kann wenigstens noch sagen: „Wir sind Seite so und so und machen das und das“. Aber eigentlich hat man mir auch in Aussicht gestellt, in Klasse zwei zu kommen, wenn ich noch etwas am Lesefluss (und damit an den Kanji) arbeite … Die anderen drei sind alle Klasse fünf. Obwohl ich mich gerade bei Diana frage, warum eigentlich – vorallem sie hätte doch das Zeug weiter oben zu sein (jetzt bitte nicht falsch auffassen, Martin und Simone tun auch ihren Teil, aber ich denke einfach, dass Diana in allgemeiner Konversation ambitionierter ist). Ist eigentlich auch egal, denn durch das Gespräch mit den Lehrern, auf das ich als vorletzter etwa anderthalb Stunden warten durfte (!!!), konnte man sowieso kaum etwas ändern, sodass die Klasse bereits vorher feststand. Außer für die Russen, die konnte sich mal wieder hochstufen lassen, wie sie wollten. Zugegeben, sie machen ein Jahr länger Japanisch, dass ist aber keinesfalls ein Grund jemanden einfach so hochzustufen, denn scheinbar waren sie ja in den Ergebnissen nicht viel besser als wir – schließlich war eine in Klasse fünf (!), zwei bei mir, eine bei Ronja und zwei in Klasse eins gelandet. Das ist nicht allzu viel besser als wir ! Und das mit einem Jahr Vorsprung ! Wie dem auch sei, es sind jetzt drei in Klasse eins und drei in Klasse zwei – so wie ich es mitbekommen habe von den Cheatern. Frau Borchert, die netter Weise kam, um uns moralisch zu unterstützen, meinte auch, dass das jedes Jahr so sei, da sie sonst keinen Übersetzungsunterricht besuchen dürften, weil sie von der entsprechenden Lehrerin als zu ‘dumm’ bezeichnet werden würden. Tja, selbst schuld, wenn man zwar Geld hat (und das haben die – ich sage nur Rolex-Uhr und dreitausend Euro Abendkleid beim Empfang für die neuen Studenten), aber nix im Kopf … neureiche Russen eben.

Leider bin ich nun in einer Gruppe mit Ryan und das gefällt mir gar nicht …

Am Nachmittag ging es dann zum Empfang und so traten auch manche auf (meine Gedanken schweifen jetzt ‘gen Moskauer Universität) … Von den Norweger in légerer Sommerbekleidung mit Synthetikschuhen, Stoffhosen und Baumwollhemden in den unterschiedlichsten Farben und Bedrucken bis hin zum bereits erwähnten Abendkleid alles vertreten. Ich war zumindest nicht overdresst !

Die Feier war aber etwas desorganisiert. Ich meine, wer kommt auf die glorreiche Idee, ein Buffet vor den Redeteil zu stellen ?? Das ist doch witzlos, da hört niemand mehr richtig zu und es kommt auch keine Ruhe mehr auf … Als Resultat durften wir dann zumindest auf das Vorsingen verzichten. Auch die Selbstvorstellung konnten wir der sichtlich und hörbar nervösen Frau Borchert überlassen. Ronja meinte noch, sie habe sie noch nie vorher so gesehen. Völlig unkoordiniert und teilweise stotternd brachte sie nur ein paar wenige Worte zusammen. Echt mal was anders, unsere zwar ruhige, aber doch wortgewaltige Lehrerin (sie selbst nennt sich Sprachmittlerin) einmal so zu sehen. Wie wir bereits beschlossen haben, werden wir ihr das ‘du’ einseitig anbieten – denn ein ‘Sie’ von ihr kommt einfach so rüber, als wäre wir so alt, dass man uns „richtig respektieren“ müsste …

Jedenfalls stellten sich die Russen alle selbst vor und beherrschten noch nicht einmal Keigo (die höchstmögliche Höflichkeitsebene – z.B. für Feiern und dergleichen), was man eigentlich von Studenten im vierten Jahr erwarten müsste! Zumindest eins können sie ja – schleimen … Frau Borchert meinte dann auch, dass das jedes Jahr so sei. Die wollten sich nur beliebt machen und zeigen, dass sie was besseres seien, was sie aber anhand ihrer dubiosen Hochstufungsaktionen offensichtlich nicht sein können !! ;)

Die Nachparty im Wohnheim und danach im Boogies ließ ich dann jedenfalls sausen und übernachtete stattdessen bei Megumi. Eigentlich war dies so nicht geplant, denn ich wollte nur drei Stunden oder so bei ihr bleiben und dann zurückkehren, da wir am Mittwoch morgen nach Shinjuku fahren wollten, aber gegen halb elf rief mich Ryôta an, um zu fragen, ob er denn bei uns übernachten könne. Klartext: er wolle mein Bett benutzen und fragte, ob ich nicht bei Megumi übernachten könne. Megumi war einverstanden und so blieb ich, wir kauften gegen halb zwölf noch etwas im nahen ‘am pm’ (Combini-Kette) zum Abendbrot – sie hatte noch nichts gegessen und ich nur das wenige beim Empfang, da ich zu dieser Zeit noch davon ausging, singen zu müssen und kaum etwas runterbekam – und zum Frühstück.

Jetzt ist es Mittwoch Morgen. Vor genau einer Stunden bin ich nun wieder im Wohnheim und Ryôta schläft noch immer hier – genau wie Martin. Und dass obwohl wir doch in einer halben Stunde losmachen wollten … mal sehen, ob das überhaupt noch was wird. Ich gehe sie jetzt mal wecken.

Bis später …

Nachtrag vom 27.09.2007: Im Gegensatz zum oben vermerkte, arbeitet Gruppe zwei doch noch mit einem Lehrbuch. Ich sollte das hier an dieser Stelle von Ronja aus klarstellen, was ich hiermit getan habe :D