Der Rest des Freitags drehte sich um das „Fotoshooting“ von Ryôta im Auftrag des Deutschzirkels ‘Prost’. Eigentlich sollten wir für die Semestereröffnungsfeier ein paar Bilder schießen, auf denen „die Deutschen“ mit Japanern sprechen, doch außer Masaki (mein Homestay-Partner vom Februar) sowie Yoko (die Vorsitzende des Zirkels) waren keine Japaner anwesend …
Demzufolge ging es etwas im Mißmut unter. Denn statt eines ordentlichen Fotoschießens kamen nur ein paar Schnappschüsse raus. Etwas wenig, aber mal sehen, welches von denen den Weg auf die Aushänge findet. Mein Favorit hat sicherlich gute Chancen. In Folge der Stunde, die wir sinnlos auf dem Dach des Hauptgebäudes herumstanden und, anstelle von Bildern mit freundlichen Deutschen, lieber Panoramabilder von Hiratsuka schossen, gab es dann ein Treffen mit dem Vorjahres-Austauschlehrer Kobayashi, der uns – entgegen vorheriger Ankündigung, dass es nur kurz dauern würde – zu Keksen und kalten Getränken einlud, sodass das Ganze zu einem zwei Stunden Sit-in im Arbeitszimmer des Professors ausartete. Nicht, dass ich etwas dagegen hatte, aber irgendwie verhaspelten wir uns im Klein-Klein und kamen zu nix wirklich Konstruktiven, außer dass er uns ein Deutsch- Satzmusterlehrbuch aufschwatzen konnte, dass wir doch gnädigerweise einmal auf Orthographie und Grammatik überprüfen sollten. Was folgte war ein langer Streit über die Artikel einiger deutscher Nomen … und ich dachte eigentlich, dass ich meine Muttersprache beherrsche
Trotz dieser ernüchternden Feststellung hielt ich den Freitag noch durch, um am Samstag Morgen kurz vor neun mit den anderen fünf (Ronja war wieder einmal aufgrund ihrer Mittelohrentzündung, die hoffentlich bald überstanden ist, nicht dabei) und Frau Borchert nach Kamakura aufzubrechen. Eine alte Hafenstadt mit Fischereitradition am Pazifischen Ozean, die sich mittlerweile zu einer recht ansehnlichen Größe entwickelt hat und sich hier ganz in der Nähe befindet.
Wir trafen uns also mit unserem ’sensei’ im Bus auf dem Weg zum Bahnhof von Hiratsuka. Das war, so weit ich es beurteilen kann, für alle das erste Mal in einem Bus. Die Reaktionen, die man daher beim Aussteigen beobachten konnte, waren höchst interessant. Meine Wenigkeit hatte diese Erlebnisse bereits letztes Jahr und damit einen glücklicherweise vorhandenen Wissensvorsprung
Jedenfalls ging es dann weiter auf der Tôkaidô-sen (nicht die Shinkansen-Strecke !!!) in Richtung mehr, wobei wir in Ôfuna umsteigen mussten, was relativ witzig war, da der Zug aufgrund eines auf den Schienen geparkten Autos (jetzt nicht fragen, wie so etwas möglich ist) fünfundzwanzig Minuten zu spät kam. Normalerweise ist das Warten nicht besonders aufregend, aber diesmal hatten wir es mit einem wohl sehr aufgeregten, jungen Bahnangestellten zu tun, dessen Stimme sich im zu laut eingestellten Lautsprecher beinahe überschlug. Insgesamt sieben Mal brachte er seine Entschuldigung vor und betonte immer wieder, dass der Zug sogleich käme. Der Bahnsteig füllte sich nach und nach und die Stimme des hörbar bemühten Mannes wurde noch schneller. Es war einfach unglaublich, wie schnell der reden konnte, ohne das der Sinn vollends im Rauschen der Lautsprecher unterging. Sogar bei dem am strengsten dreinschauenden alten Mann in der Warteschlange neben uns zauberte diese Situation ein Lächeln auf die Mundwinkel
Als die Bahn kam, stiegen wir ein und sogleich die darauffolgende in Kita-kamakura wieder aus. Dort mussten wir nun aber knapp zwanzig Minuten warten, da sich in Folge der Wartezeit in Ôfuna die Bahnen nun stauten und der kleine nördliche Bahnhof keine Überführung für die Schienenüberquerung vorweisen kann, sondern mittels Schrankenübergang funktioniert. Naja, bei etwa dreißig Grad im Schatten in der prallen Sonne warten zu müssen, ist nicht gerade das Schönste, aber hilft zum Üben der Ausdauer … wenn das Mal kein Trost ist.
Nach dieser nicht enden wollenden Warterei ging es dann auf in die Berge von Kamakura, in denen wir uns nun im Folgenden die nächsten drei Stunden austoben konnten. Besser gesagt, in denen wir stürmender Weise hindurchfegten. Denn dank Frau Borchert hatten wir kaum eine Minute Stillstand. Ich frage mich sowieso, wie man sich mit Sommersandalen über holprigen, mit Wurzeln gespickten Waldboden in diesem Tempo fortbewegen kann. Jetzt weiß ich jedenfalls: es ist möglich ! Auf meinen Bildern kann man vielleicht erahnen, mit welchen Bedingungen wir es zu tun hatten. Dabei gilt allerdings zu beachten, dass die ersten Bilder die letzten des Albums sind, irgendwie hat photobucket das ganze etwas vertauscht
Wir kamen im Verlauf dieses ‘Spaziersprintes’ unter anderem am Geldwaschschrein vorbei, an dem wir uns für unseren Reichtum stark machten. Später ging es dann über schmalen Grat hinunter zu Japans größtem freistehenden Buddha, der in äußerst interessanter Umgebung eingebunden ist. So sieht man die etwa sechs Meter hohe Statue dank des Bewuchses erst, wenn man auf zwanzig Meter an ihm dran ist. Sehr clever gebaut, möchte man da sagen. Jedenfalls habe ich mich dort noch mit ein paar Souvenirs eingedeckt, die demnächst auch auf die Reise nach Deutschland gehen werden.
Das nächste war dann der Waffenshop mit allerlei Waffen, die ich bisher nicht im geringsten kannte. Echt interessant. Was es nicht alles für Waffen gibt … leider muss ich hierbei auf die Fotos der anderen verweisen, da ich aufgrund meines Erstaunens meine Kamera stecken ließ. Vielleicht kann man bei Diana etwas finden ? Sie hat zumindest viel fotografiert
Nach den Waffen kam die Stärkung. Eine große Portion Curry-soba konnte ich dank meines rückgekehrten Appetits immerhin verspeisen. Allerdings muss ich sagen, dass diese Kombination (Curryeintopf mit Buchweizennudeln) keineswegs üblich zu sein scheint. Megumi hob nämlich die Zähne, als ich ihr davon erzählt habe. Wie dem auch sei, es war sehr lecker – und zudem scharf ! Sehr scharf ! ZU scharf … für mich jedenfalls. Aber da ich die nächsten anderthalb Stunden außer Laufen sowieso nichts vorhatte, machte dies nicht wirklich was.
Komisch nur, wen wir dann auf den Weg zur Eno-den (die ‘Straßenbahnlinie’ von Kamakura nach Enoshima) begegnet sind. Im Gespräch vertieft, ertönt auf einmal von hinten eine Stimme, die auf Deutsch meint, dass es wirklich wieder einmal gut tue, Deutsch zu hören … Schock ! Ein Deutscher – hier in Kamakura ! Zudem noch einer, der der Japanischen Sprache nicht mächtig ist. Es sei aus Wiesbaden und nach einem Praktikum im August (!!!) in Kyôto habe er nun noch einen kurzen Aufenthalt in Kantô, bevor er sich zur Rückkehr aufmache, sagte er uns. Da er eigentlich immer mit Japanern unterwegs gewesen sei, habe er nicht gemerkt, wie abhängig man in diesem Land von Japanisch sein kann und dachte, er schaffe es einzig mit Englisch. Fehlanzeige – er musste das erleben, wovor ich alle zu Waghalsigen warne: in Tôkyô werdet ihr kaum Probleme haben, mit Englisch zurecht zu kommen, doch verlasst die Stadt niemals in Richtung Vorland ! Andere Städte wie Nagano und Ôsaka mögen auch noch schleichen, aber eine Region wie Kamakura ist ohne Japanisch nahezu unzugänglich. In einem Conbini werdet ihr zwar einkaufen können, aber versucht nicht, euch in einem Restaurant niederzulassen und bewusst zu wählen, was ihr vorgesetzt bekommt. Das ist sicherlich zum Scheitern verurteilt ! Und die großen Städte allein sind nunmal nicht Japan ! Summa sumarum: lernt Japanisch
Der blonde Große aus Wiesbaden begleitete uns dann noch bis nach Kamakura rein, wo er uns noch einen schönen Aufenthalt wünschte und zur Wohnung eines Freundes zurückkehrte. Ich hoffe mal, dass er bis nach Deutschland zurückgefunden hat und dort wieder gut klarkommt ! Jedenfalls schon verrückt, im August ein Praktikum in Kyôto zu machen. Denn es sei laut Medien der heiseste Sommer seit dreiundreißig Jahren gewesen, sagte er uns vor dem Abschied noch. Die Antwort „selber schuld“ konnte ich mir da gerade noch so verkneifen …
In Kamakura schauten wir uns dann als erstes die Einkaufsstraße an und machten mit Frau Borchert einen Treffpunkt in der Nähe vom Hachiman-gû (dem Tempel des Kriegsgottes Hachiman) aus, da sie scheinbar keine Lust hatte, zwischen den Einwohnern von halb Kamakura rumzulaufen. Im Grunde schafften wir nicht mehr als den Fanshop von Ghibli, was etwas Schade war. Denn einen edlen Kimonoyasan sowie einen schönen Süßwarenladen konnten wir so kaum betrachten. Dafür aber eine Katze, die inmitten des Trubels auf der Staße neben einem Schild lag, dass soviel aussagte, als dass die Katze schlafen wolle und sie niemand wecken solle. Schon seltsam
Im Tempel sahen wir dann noch eine klassische Hochzeit, wobei sich mir die Frage aufdrängte, warum man sich gerade den Tempel des Kriegsgottes dafür aussuchen muss. Sicherlich nur aus formal-praktischen Gründen und nicht aus Überzeugung, oder ?
Die Rückkehr verlief dann ohne die Probleme der Hinfahrt, was mich auch recht zufrieden stimmte, immerhin waren wir schon ziemlich weit gelaufen. Ein noch sicherlich ziemlich einprägsame Anekdote passierte uns dann beim Warten auf den Zug in Kamakura. Passe dich an die japanischen Gepflogenheiten an, wenn du willst, dass man dich nicht missachtet. Im Halbkreis zu warten, führt nur dazu, dass man unter sich bleibt. Erst eine ordnungsgemäß ausgerichtete Warteschlange führt dazu, dass sich Japaner hinzugesellen. Intuitives Lernen einmal anders
Am Abend fiel ich dann einfach ins Bett und schlief … bis Sonntag Mittag oder so ! Doch davon das nächste Mal …
25. September 2007 at 4:38
Lieber Christoph,
danke für deine schnelle Info.
Es ist sehr gut deine Reise begleiten zu können. Auch meine Kollegen waren sehr interessiert an deine Infos und Bildern.
Papa ist z.Zt. völlig k.o.. So werde ich ihm einiges erzählen.
Wir hoffen du bist wieder vollkommen fit und du kannst deinen Aufenthalt genießen?!
Also bis demnächst, tschau sagen Mutsch, Paps und Andre- er steht gerade neben mir.
Liebe Grüße auch von allen Opas und der Oma.
25. September 2007 at 4:38
Morgen sende ich dir die gewünschten Adressen.
Tschau Mutsch.
25. September 2007 at 8:20
okay. Nur warum ist er so kaputt ?